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Markus Lienkamp im Interview

Herr Professor Lienkamp, verraten Sie uns, worum es bei Ihrem Vortrag auf der be·connected 2020 gehen wird?

Ich schreibe alle zwei Jahre Bücher zum Status der Elektromobilität. Das steht auch für dieses Jahr wieder an. Da ich aktuell auf Grund der Coronakrise sehr viel Zeit habe, fange ich jetzt schon an zu schreiben und werde bis zur be·connected voraussichtlich fertig sein, um die Ergebnisse vorzustellen.

In der aktuellen Ausgabe aus dem Jahr 2018 haben Sie prognostiziert, dass zwischen 2020 und 2025 die Karten in Sachen Mobilität neu gemischt werden. Sehen Sie sich aktuell betätigt?

Ich habe momentan den Eindruck, ich bin immer ein wenig hinterher und alles geht deutlich schneller, als ich mich getraut habe zu prognostizieren. Ich gehe davon aus, dass durch die aktuelle Krise das Thema nochmals beschleunigt wird. Die Unternehmen haben immer weniger Geld, Eigenkapital schmilzt dahin, die geplanten Investitionen schrumpfen zusammen. Sprich: Man wird sich auf das fokussieren, was die Zukunft bedeutet und die vermeintlich alte Technik über Bord schmeißen.

Sie sprechen hier die aktuelle Coronakrise an. Lässt sich abschätzen, wie diese das Kaufverhalten beeinflussen wird?

In meinem letzten Buch hatte ich unter anderem die Frage gestellt, was passiert, wenn die Produkte noch nicht da sind, noch zu teuer sind, oder wenn die Ladeinfrastruktur fehlt etc. Meine These war: Der Kunde wird warten. Und im Moment tut er genau das. Er wartet und wird das voraussichtlich noch monatelang tun. Die Leute sind verunsichert wegen Corona, sie fragen sich, „Werde ich meinen eigenen Job noch haben?“ Also warten sie und kaufen keine neuen Autos. Und wenn sie doch kaufen, dann sagen sie wahrscheinlich: „Ich kaufe das, was die Zukunft ist. Nicht, damit ich dann wieder einen wahnsinnigen Wertverlust erleide.“

Die Zahl der Neuzulassungen bei E-Fahrzeugen steigt, man kann in Deutschland aber noch nicht vom großen Massenmarkt sprechen. Was sind aktuell die größten Hürden beim Durchbruch der E-Mobilität?

Ich denke, es sind zwei Hürden. Zum einen kann „der Große“ im Moment nicht liefern. VW und auch Daimler bekommen einfach die Stückzahlen noch nicht raus. Es ist das, was Tesla immer wieder die Produktionshölle nennt. VW kämpft mit Qualitätsproblemen, Daimler hat Lieferprobleme. Das ist einfach der Hochlauf, der immer schmerzt und der auch noch länger schmerzen wird. Das ist das Problem. Und der Kunde wird warten, solange es keine Stückzahlen gibt.

Das zweite Problem ist, dass wir noch immer Probleme bei der Ladeinfrastruktur haben. Die Leute können zum Teil einfach nicht laden. Das ist aber kein technisches Problem, sondern eher ein politisches oder was auch immer. Teuer ist eine Wallbox ja nicht. Da ist eher die Frage: Kann ich das in meinem Miethaus installieren, lässt das der Eigentümerverbund zu? Habe ich überhaupt die Chance zu laden?

Das Thema Reichweite rückt dagegen in den Hintergrund, weil die neuen Fahrzeuge alle schon 400 bis 500 Kilometer bieten können. Dieser Punkt ist meines Erachtens nicht mehr ganz so kritisch, wie vor ein paar Jahren.

Kurt Sigl vom Bundesverband Elektromobilität hat erst kürzlich im Interview gesagt, dass wir in Deutschland mit dem Akku ein Drittel der zukünftigen Wertschöpfung schon vergeigt haben. Sehen Sie das auch so kritisch?

Ganz so pessimistisch sehe ich das nicht. Ja, wir haben sicher Teile der Wertschöpfung liegen gelassen, aber das Hauptproblem ist für mich eher die Frage nach der Technologiekompetenz und nach der Abhängigkeit. Wobei man sagen muss: VW hat in Braunschweig eine Fabrik stehen, die technologisch vom Feinsten ist. Also ich würde nicht sagen, man hat es komplett vergeigt. Man sollte jetzt einfach darauf achten, dass auch in Europa Fabriken stehen und dass man die Technologie und Kompetenz nicht zu sehr rausgibt.

Kommen wir zum Thema Laden: Welche Lösungen brauchen wir, um den künftigen Massenmarkt versorgen zu können? Sind die aktuell geplanten Schnelllader von IONITY Ihrer Meinung nach ausreichend?

Wenn man sieht, dass Tesla im Alleingang die Welt komplett mit Ladestationen versorgt hat, dann sollte es ja wohl kein Problem sein für europäische Automobilhersteller, das auch hinzukriegen. Viel wichtiger ist, dass diese Diskriminierung aufhört. Es kann ja nicht jede Firma ein eigenes Ladenetz bauen. Aber auch das ist lösbar.

Wo stehen wir in Deutschland in fünf Jahren in Sachen E-Mobilität?

Ich glaube, dass wir in Deutschland weltweit wieder Vorreiter sein werden. Nach dieser Corona Krise werden einige Firmen nichts mehr zu investieren haben und ein paar Unternehmen werden als Gewinner hervorgehen. Für mich sind das im Moment die Deutschen und Tesla.

Sehen Sie auf der Landkarte die chinesischen Hersteller, die ja zum Teil auch mit dem europäischen Markt liebäugeln?

BYD ist sicher stark unterwegs, weil das Unternehmen sowohl die Batterie- als auch die Autoproduktion in Händen hält, ist aber von der Qualität in keiner Weise vergleichbar mit dem, was wir in Deutschland machen. Byton halte ich nicht für ernsthaft gefährlich. Diese Startups sind einfach zu kein. Man sieht ja, wie schwer sich Tesla über 10 Jahre getan hat und das mit zweistelligen Milliardenbeträgen. Lokal wird China seine Industrie natürlich fördern und abschotten, aber ich sehe aktuell nichts, was weltweit eine Rolle spielen wird.

Es bleibt also spannend. Herr Prof. Lienkamp, vielen Dank für das Gespräch und bis bald auf der #becon20!

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