Kurt Sigl, Speaker be·connected conference 2020

Kurt Sigl im Interview

„Wir brauchen jetzt die Energie- und Mobilitätswende“

Kurt Sigl ist Präsident des Bundesverbands eMobilität (BEM). Wir freuen uns, ihn auf der be·connected 2020 als Speaker begrüßen zu dürfen und haben ihm vorab einige Fragen gestellt.
Herr Sigl, ist Europa in Sachen E-Mobilität schon auf Kurs?

Ja, definitiv. Es gibt natürlich auch hier Länder, die Nachholbedarf haben, aber im Großen und Ganzen ist Europa auf Kurs. Das ist auch nochmal verstärkt worden durch den eisernen Willen von Kommissionspräsidentin von der Leyen, den Klimapakt durchzuziehen und die Milliarden zu investieren. Das alles wird helfen. Und wenn der größte Automobilhersteller der Welt dann auch noch ein Statement abgibt, das klar in Richtung Elektromobilität geht, dann müssen wir uns nicht mehr die großen Sorgen machen. Echte Sorgen macht uns eher die Frage, ob wir hierzulande bestimmte Dinge noch aufholen können, oder ob wir ein ganz wichtiges Modul nicht schon verbockt haben? Nämlich 30 Prozent der Wertschöpfung in Form des Akkus. Das hat der BEM bereits vor sieben Jahren prophezeit. Jetzt eine Zellfertigung aufzubauen ist sehr verspätet und da in anderen Ländern der Akku jedes Jahr nochmal ein Stück weiterkommt, sind wir eigentlich auf verlorenem Posten. Das heißt, wir haben 30 Prozent der Wertschöpfung in zukünftigen Autos schon vergeigt.

Die gute Nachricht ist: Wir werden schon bald die E-Fahrzeuge im großen Stil auf der Straße haben. Was sind dann die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung in Deutschland und in zahlreichen anderen europäischen Ländern ist es, das Wohneigentumsgesetz zu ändern. Es muss einfach möglich sein, Ladeinfrastruktur im Wohneigentum oder auch in Mieterquartieren zu installieren, ohne dass Widersprüche dafür sorgen können, dass man sie nicht errichten darf. In Deutschland haben wir das zumindest auf dem Papier auf den Weg gebracht und hoffen, dass das noch vor der Sommerpause verabschiedet wird. Das ist die größte Herausforderung überhaupt, weil 80 Prozent der Fahrzeuge zuhause geladen werden.

Was die Unternehmen betrifft, haben wir eigentlich alles getan, damit das funktioniert. Hier sind ja Arbeitgeber und Arbeitnehmer beim Laden von der Versteuerung ausgenommen; es ist kein geldwerter Vorteil zu versteuern. Das muss allerdings besser bekannt gemacht werden, denn das wissen die wenigsten. Hier braucht es eine Aufklärungskampagne für die Unternehmen.

Ausgebaut wird sicher auch die Infrastruktur bei Supermärkten und Discountern. Die werden ihren Teil beitragen, damit die Ausrede nicht mehr gilt, dass man als Wohnungsmieter im sechsten oder siebten Stock nicht flächendeckend laden kann. Und was natürlich massiv ausgebaut werden muss, das ist die IONITY-Schnellladeinfrastruktur an den Autobahnen. Hier ist auch noch ein Eingriff des europäischen Parlaments notwendig. Es kann nicht sein, dass solche Projekte gefördert werden und dann Preise nach Gutdünken gemacht werden. Das entspricht nicht unserer europäischen Rechtsauffassung.

Thema E-Mobilität im Unternehmen: Was raten Sie Betrieben, die neu einsteigen?

Wir haben hier die Förderung in Form einer hoch attraktiven Dienstwagenversteuerung, die mit 0,25 Prozent wesentlich günstiger ist, als beim Verbrenner. Jedes Unternehmen ist eigentlich dumm, wenn es da nicht in die E-Mobilität einsteigt. Wir müssen allerdings die Plug-In-Hybrid-Förderung wegbekommen. In der Praxis ist es nämlich tatsächlich so, dass solche Dienstwägen drei Jahre gefahren werden und danach stellt man fest, das Ladekabel liegt originalverpackt und unbenutzt im Kofferraum. Wir müssen noch mehr rein-elektrische Fahrtzeuge in die Betriebe bringen. Denn für 80 Prozent der Unternehmen reicht heute ein Elektroauto mit entsprechender Reichweite absolut aus.

Haben wir in Sachen Roaming und Bezahllösungen schon alles, was wir für den Massenmarkt brauchen?

Das ist eines der Themen, bei denen es gravierenden Aufholbedarf gibt. Eine Vereinheitlichung wäre hier schon längst angesagt. Die Regierungen haben auf verschiedene Systeme gesetzt und geglaubt, der Wettbewerb wird es richten. Der hat aber nur dazu geführt, dass Ladesäulen aufgestellt wurden und nicht, dass es abgestimmt aufeinander läuft. Uns haben sich schon bei der ersten Ladesäulenverordnung die Haare gesträubt. Das Thema müssen wir einfach weiterdenken.

Wie optimistisch sind Sie, dass sich hier rasch etwas bewegt?

Es wird sich deshalb etwas tun, weil der Verbraucher in naher Zukunft viel stärker damit konfrontiert wird und der wird ordentlich auf den Tisch hauen. Dann wird es sehr schnell gehen.

Was ist für Sie der Mehrwert von Konferenzformaten wie der be·connected?

Der Branche hilft das weiter, weil die Menschen sich dort massiv mit der Thematik auseinandersetzen und zwar nicht nur im Automobilbereich, sondern auf Basis eines intermodalen Ansatzes. Da sehe ich den größten Bedarf: Wir brauchen eine Energie- und Mobilitätswende. Ohne Energie und Mobilität Hand in Hand wird es nicht funktionieren. Das ist die Herausforderung und der wird die be·connected gerecht. Das steckt ja schon im Namen.

Wir sind neugierig: Worum wird es in Ihrem Vortrag bei der becon20 gehen?

Mein Vortrag trägt den Titel: „Zukunft braucht kein Zögern“. Wir sollten uns auf das konzentrieren, was jetzt machbar ist, denn es ist vieles machbar. Und nicht immer darüber diskutieren, was nicht machbar ist.

Zum Abschluss ein Blick in die Glaskugel: Wo stehen wir in fünf bis zehn Jahren in Sachen E-Mobilität?

Ich denke, in fünf Jahren sind wir an dem Punkt, dass wir sagen können, die Mobilitätswende ist nicht mehr aufzuhalten. In zehn Jahren werden wir nicht mehr über die Sinnhaftigkeit einer nachhaltigen, intermodalen Neuen Mobilität diskutieren, bis dahin wird sie sich auf Basis Erneuerbarer Energien durchgesetzt haben und Verbrenner werden nicht mehr in relevanten Mengen zugelassen. Wir werden aber auch erleben, dass sich über Ride- und Sharing-Konzepte, einem verbesserten ÖPNV und einer autonomen Schwarmmobilität insgesamt die Zulassungszahlen deutlich reduzieren werden und unsere Städte sauber, leiser und sehr viel lebenswerter sein werden.

Herr Sigl, danke für das Gespräch. Wir sehen uns auf der be·connected 2020!

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